Bomber kehren im Zweiten Weltkrieg von ihren Einsätzen zurück und viele von ihnen sind beschädigt. Für die Statistical Research Group in New York, eine Gruppe von Mathematikern im Dienst der US-Streitkräfte, ist das eine wichtige Datenlage: Man kartiert genau, wo die Maschinen getroffen wurden. Das Bild der Einschusslöcher ist eindeutig — dicht besetzt sind Tragflächen, Rumpfmitte und Leitwerk, auffällig frei bleiben Kanzel, Motoren und der Rumpf zwischen Tragfläche und Leitwerk. Der Schluss „Panzern wir dort, wo die Löcher sind" lag nahe und er wurde gezogen.

Draufsicht eines viermotorigen Bombers mit kartierten Einschusslöchern auf Tragflächen, Rumpfmitte und Leitwerk
Die kartierten Treffer der zurückgekehrten Maschinen. Wo würden Sie panzern? (Illustration, kein historisches Dokument)

Der Statistiker Abraham Wald widersprach. Die Karte, so sein Einwand, zeigt nicht, wo Flugzeuge getroffen werden. Sie zeigt, wo ein Treffer überlebbar ist. Jede Maschine in dieser Statistik ist zurückgekommen — trotz ihrer Löcher. Wer in den Motor getroffen wurde, in die Kanzel oder in die Steuerzüge im Rumpfheck, stürzte ab und lieferte keine Daten. Die leeren Stellen auf dieser Kartierung sind also nicht die sicheren, sondern die tödlichen!

Ihre Daten zeigen oft nicht, was Sie wirklich interessiert

Das ist keine Anekdote über Flugzeuge, sondern eine Aussage über jede Datenlage, die durch einen Filter gelaufen ist — und Daten für die Führungsebene laufen praktisch immer durch einen oder mehrere.

  • Eskalationen erreichen Sie aus Projekten, die sich noch intensiv melden. Projekte, die aufhörten, sich proaktiv zu melden, eskalieren nicht mehr.
  • Kundenfeedback bekommen Sie von Kunden, die geblieben sind. Die abgewanderten füllen keine Fragebögen mehr aus.
  • Etablierte KPI zeigen Ihnen „Ampeln" in einem kleinen Ausschnitt. Die wirklich interessanten Daten über echten Fortschritt oder tiefliegende Störungen liegen oft woanders.

Solche Verzerrungen sind keine Nachlässigkeit, die man durch Sorgfalt beheben könnte, sondern im System eingebaut. Wer oder was nicht „zurückkommt", liefert keine Daten — und je sauberer Sie die vorhandenen Daten auswerten, desto überzeugender wird ein Bild, dem die Hälfte fehlt. Der unangenehme Teil daran ist, dass das Fehlende nicht zufällig verteilt liegt, sondern genau dort fehlt, wo es am meisten wehtut.

Warum das kein Messproblem ist

Die häufige Reaktion lautet: Achtung, Verzerrung — schaut nur genauer hin. Damit endet der Gedanke allerdings zu früh, und zwar an der interessantesten Stelle. Denn wäre Panzerung umsonst, gäbe es das Problem gar nicht. Man würde überall panzern und wäre fertig. Zum Entscheidungsproblem wird der Bomber erst dadurch, dass Panzerung Gewicht kostet: Reichweite, Zuladung, Steigrate. Jede Panzerplatte, die Sie an einer Stelle anbringen, fehlt an einer anderen.

Das ist die Lage jeder Führungskraft. Sie haben nicht die Wahl, überall stark zu sein. Sie haben ein Budget, eine Mannschaft, einen Fokus — und eine nächste Entscheidung, einen nächsten Zug. Die Frage ist deshalb nicht „was wäre gut?", sondern: Wo verändert mein nächster Zug die Lage?

Bei Entscheidungen die Initiative behalten

Entscheidungen so zu treffen, dass Sie die Initiative behalten und andere reagieren müssen, nennt man im Go „Sente" oder „Vorhand": der Zug, der die Lage zu eigenen Gunsten verändert. Genau hier setzt das Sente-Modell an — fünf Prinzipien für gute Entscheidungen, die zwischen Analyse und Umsetzung stehen: genau positionieren, mit Einfluss führen, das richtige Timing finden, durch Koexistenz gewinnen und flexibel bleiben.

Links der Bomber mit Einschusslöchern, rechts ein Go-Spielfeld mit gehäuften Steinen links unten und einem roten Stein im freien Bereich oben rechts
Beim Bomber folgt der Blick zunächst den Markierungen und nicht dorthin, wo die Antwort liegt. Auch auf dem Go-Spielbrett liegt die beste Antwort nicht da, wo gerade (links unten) gespielt wurde, sondern oben rechts, wo es strategisch noch mehr Möglichkeiten gibt.

Ein Hinweis zur Geschichte selbst: Von der bekannten Bomber-Erzählung ist deutlich weniger belegt, als sie verspricht — die dramatische Fassung mit Wald gegen die Generäle ist Legende. Was gesichert ist und was nicht, steht in der vollständigen Fassung zum Download. Auch diese Erzählung besteht nämlich aus etwas, das „zurückkam" und damit „überlebte".

Was Sie am Montag tun

Das Sente-Modell läuft auf eine wichtige Frage hinaus: Was tue ich als Nächstes — und was lasse ich? Auf diesen Fall angewendet, wird daraus ein kurzer Test, für den Sie zehn Minuten brauchen:

  • Welchen Bericht lesen Sie, weil er aussagekräftig ist — und welchen nur, weil es ihn gibt?
  • Wer meldet sich in Ihren Meetings nie? Fehlende Meldung heißt nicht, dass dort alles in Ordnung ist, sondern dass Sie dort nichts sehen.
  • Wo haben Sie in letzter Zeit etwas verstärkt — und war der Grund, dass es dort besonders sichtbar wehtat?

Wenn Sie bei einer der drei Fragen ins Stocken geraten, haben Sie eine leere Stelle auf Ihrer Karte gefunden.

Ihr nächster Zug entscheidet nicht das Spiel. Aber er verändert Ihre Lage.
Der vollständige Artikel als PDF Mit der ausführlichen Quellenkritik und den fünf Prinzipien am Bomber-Fall erklärt.
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